Marokko – eine fremde Welt

Für unseren Sprung über die Strasse von Gibraltar hatten wir mit Absicht einen möglichst windarmen Tag ausgesucht. Diese Wasserstrasse ist nämlich für seine starken Strömungen und Dünung bekannt. Wenn es allerdings Wind hat, besteht immer die Gefahr, dass sich Nebel bildet. Es galt also die Risiken sorgfältig abzuwägen. Wir hatten Glück! Während sich zwischen den beiden Landspitzen Spaniens und Marokkos dichter Nebel bildete, war auf unserem Kurs die Sicht wohl etwas eingeschränkt, wir konnten aber immer gut 5 Meilen weit sehen. Trotzdem war es unheimlich die lauten Nebelhörner der Frachter zu hören ohne sie zu sehen. Wir kamen aber ohne Probleme an allen querenden Frachtern vorbei. Für ein ungutes Gefühl sorgten auch die per Funk eintreffenden Meldungen, dass zwischen Tarifa und Marokkos Nordküste Schlauchboote mit einer grossen Anzahl Personen gesichtet worden seien. Obwohl wir uns nicht in dieser Gegend befanden, war es schon ein eigenartiges Gefühl, das Flüchtlingsproblem mal nicht nur als Meldung im Radio mitzuerleben.

Nach nur 5-stündiger Fahrt erreichten wir Tanger. 25 Meilen Distanz und wir befanden uns in einer ganz und gar anderen Welt!

Die fast fertig gestellte Marina von Tanger.

Es war uns erzählt worden, dass in Tanger eine neue Marina eröffnet habe. Und so machten wir uns auf die Suche und hatten sie auch bald gefunden. Uns war bald klar, warum kein einziges Schiff dort festgemacht hatte: sie ist noch nicht ganz fertig.

Überall in der Stadt wird heftig für die neue Marina geworben!

Wir wurden an eine hohe, recht schmutzige Mole verwiesen, wo wir mit Hilfe des freundlichen Wachpersonals an grossen Pollern festmachen konnten. Die Offiziellen von Polizei und Zoll hatten uns bereits erwartet und kamen an Bord. Danach musste Walti noch mit ihnen ins Büro. Alles in Allem dauerte das Einklarieren gut 2 Stunden, wobei aber alles sehr entspannt und freundlich ablief.

Bei Ebbe mussten wir den Geräteträger als Leiter benutzen um an Land zu kommen!

Der Liegeplatz an der Mole war nicht sehr komfortabel, da es auch hier gut 2 Meter Gezeitenunterschied hatte. So schrammte die Alunga in regelmässigem Abstand die Molenwand rauf und runter. Glücklicherweise hatten wir ein Fenderbrett dabei, das den Rupf gut geschützt hat. An der Mole hatten gerade mal 2-3 Schiffe Platz. Lustig war ja, dass die meiste Zeit, die wir in Tanger verbracht haben, einzig zwei Schiffe unter Schweizer Flagge an der Mole lagen. Hannes und Nicole waren mit ihrer Summertime aus dem Mittelmeer gekommen und auch auf dem Weg auf die Kanaren. Wir verbrachten eine schöne Zeit zusammen.

Zwei Schweizer Schiffe in Tanger.

 

So mieteten wir gemeinsam ein Taxi und liessen uns in „die blaue Stadt“ Chefchouen, nahe dem Rif Gebirge, chauffieren. Für nur 800 Dirham (ungefähr sFr. 80) stand uns Rachid mit seinem grossen und klimatisierten Taxi den ganzen Tag zu Verfügung. Die gut zwei stündige Fahrt nach Chefchouen bot uns einen guten Einblick in dieses schöne, aber sehr trockene und staubige Land. Rachid konnte uns vieles erklären und zeigen. Hier sahen wir auch zum ersten Mal, dass an vielen Orten Schafböcke verkauft wurden und entlang der Strasse wurden Zwiebeln in grossen Mengen verkauft. So eine Art Zwiebele Marit auf marokkanisch. Rachid erklärte uns, dass am 1./2. September das Opferfest gefeiert wird und die Schafböcke dann im Kreise der Familie geschlachtet werden.

Chefchouen, die blaue Stadt.

Der Ort Chefchouen hat uns sehr gut gefallen. Durch die Nähe des Gebirges gibt es dort genügend Wasser und wir schlenderten gemütlich den kleinen Bach entlang, genossen frisch gepressten Orangensaft und verschiedene Früchte. Da wir unseren Ausflug genau an einem der marokkanischen Feiertage unternahmen, mussten wir auch keine Minute befürchten ganz alleine unterwegs zu sein. Trotz des Gedränges in den engen Gassen haben wir jede Minute in diesem hübschen Ort genossen.

 

Auf dem Rückweg nach Tanger schlug Rachid ein Abstecher nach Tétouan vor. Dort spazierten wir bis zum Königspalast und erfuhren, dass der König anlässlich des Feiertages um 20.00 Uhr zu seinem Volk sprechen werde. Leider konnten wir nicht so lange bleiben. Gerne hätten wir diesen Mann gesehen, dessen Hofhaltung mit all seinen Palästen und Bediensteten gemäss Wikipedia rund 960‘000 Euro pro Tag verschlingt, während die Armut des Volkes an allen Ecken und Enden zu sehen ist. Auch gehören dem König diverse Firmen, so u.a. eine Bierbrauerei und ein Weingut in Frankreich, die ihn zu einem der reichsten Herrscher der Welt machen…..

Hinter diesen Mauer liegt einer der Paläste des Marokkanischen Königs.

Uns hat es in Tanger sehr gut gefallen. Die Menschen waren sehr freundlich und hilfsbereit. Obwohl der Hund im Islam als unreines Tier gilt, war auch das Unterwegssein mit Gip überhaupt kein Problem. Im Gegenteil: oft kamen Leute und fragten, ob sie ein Foto mit dem Hund machen oder ihn streicheln könnten. Gip avancierte zum Selfie-Star und machte gute Miene zum ungewohnten Spiel.

Ein geschäftiges Treiben herrschte in den Gassen.

Ganz besonders angetan war ich von den engen Gassen der Medina (Altstadt) mit den unzähligen kleinen Läden. Überall herrschte ein geschäftiges Gedränge, aber man konnte ganz ungezwungen herumspazieren und wurde nicht auf Schritt und Tritt angesprochen. Auch dem grossen Markt mit einem grossen Angebot an frischen Früchten und Gemüse haben wir manchen Besuch abgestattet.

Frische Früchte wo man hinschaute.

Allerdings galt es dort auch grosszügig über den einen oder anderen Abfallhaufen hinwegzusehen und auch das Riechorgan hatte manche Herausforderung zu überstehen. Ebenfalls ungewohnt war es für uns, dass Hühner direkt am Stand geschlachtet und gerupft wurden.

Der Feta ähnliche Frischkäse schmeckte sehr gut.

Auf jeden Fall wollten wir aber einen der von Bäuerinnen angebotenen Frischkäse probieren. Die Form, in dem der Käse verkauft wurde, wurde durch geflochtene Palmblätter gebildet und der Boden bestand aus einem stark gerippten Palmblatt. Die Käsemasse wird in diese Form gegossen und durch die Rippen kann die überschüssige Flüssigkeit ablaufen. Der fertige Käse roch etwas streng, schmeckte aber sehr gut, so ähnlich wie Feta.

Kurz nach unserem Ausflug brachen Nicole und Hannes Richtung Rabat auf und auch wir nahmen zwei Tage später –nach aufwendigem Ausklarierungsprozedere- die gut 130 Meilen unter den Kiel. Dieser Schlag war sehr anstrengend, da sich mal wieder trotz eher schwachem Wind eine starke Dünung aufgebaut hatte – und dies obwohl wir guten Abstand von der Küste hielten. Unter Deck warf es einem von einer Ecke in die andere. An Schlafen war nicht zu denken und wir waren froh, als am Morgen um 8 Uhr Rabat in Sicht kam. Da wir nicht bei ablaufendem Wasser die eher tückische Hafeneinfahrt in Angriff nehmen wollten, beschlossen wir, zwei Stunden vor der Hafeneinfahrt zu dümpeln und uns weiter durchschütteln zu lassen.

Mitten durch dieses Gewirr verläuft die Hafeneinfahrt!

Als wir die Marina dann anfunkten, bekamen wir die Auskunft, dass wir zwei weitere Stunden warten mussten, bis der Wasserstand eine ungefährliche Einfahrt erlaubte. Dafür wurden wir nach diesen zwei Stunden vor der Hafeneinfahrt vom Marina- eigenen Motorboot abgeholt und sicher durch das Gewirr von Fischerbooten und Schwimmern gelotst. Es scheint hier ein Volkssport zu sein, möglichst dicht vor einem Schiff den Fluss zu durchqueren! Wir mussten am Einklarierungssteg festmachen und wurden wieder von verschiedenen Vertretern von Polizei und Zoll besucht. Als letztes wollte ein Zöllner mit Hund der Alunga einen Besuch abstatten. Das brave Tier weigerte sich aber standhaft über unser hohes Freibord und das Relingsnetz an Bord zu springen. Also machte der Zöllner den Hund kurzerhand am Steg fest und schnupperte selber ein wenig unter Deck herum. Die Stimmung war aber bei allen Kontrollen sehr freundlich und wohlwollend. Das Procedere dauert halt einfach seine Zeit. Endlich konnten wir an den Steg in der modernen, sehr sauberen Marina verholen.

Die Marina liegt im modernen Teil der Stadt.

 

Was für ein Unterschied zu Tanger! Diese Marina hätte genauso gut in irgendeinem europäischen Land sein können. Auffallend waren einzig das viele Wachpersonal, das alle Zugänge, Garagenausfahrten etc. bewachte. Anders als in Tanger sah man hier auch kaum in traditionelle Djellabah’s gekleidete Männer. Alles wirkte sehr offen und europäisch. Natürlich sah man auch hier vereinzelt total verschleierte Frauen, aber die Meisten trugen einfach ein Kopftuch zu westlicher Kleidung. Abends und am Wochenende war das Gebiet der Marina ein beliebtes Ausflugsziel. Viele Menschen flanierten auf dem Quai und besuchten die zahlreichen Restaurants entlang des Quais.

Auch eine Art einen Schafbock zu transportieren!

Inzwischen war es bereits Ende August und das Opferfest kam näher. Jetzt wurden sogar vor dem Supermarkt Schafböcke verkauft und wir konnte manche –uns komisch anmutende- Situation beobachten. So wurden die erstandenen Schafböcke mit allem möglichen transportiert. Auf Handkarren, in den „Motorrad-Lastwagen“, aber auch in neueren Autos schaute plötzlich ein Schafbock aus dem Heckfenster. Einer der Wachmänner hat mir erklärt, dass an Eid-al-Adha (Opferfest) der Bereitschaft Ibrahims seinen Sohn Ismael für Allah zu opfern, gedacht wird. Im letzten Moment hat ein Engel Ibrahim davon abgehalten und ihm dafür einen Schafbock zum Opfern gegeben. Wenn dem einen oder andern diese Geschichte mit anderen Hauptakteuren bekannt vorkommt: im Alten Testament, Buch Moses, ist sie zu finden. Es wäre doch schön, wenn die verschiedenen Religionen sich an dem orientieren würden, das sie verbindet und nicht die Unterschiede hervorheben oder gar andersgläubige bekämpfen würden.

Am Abend des 1. Septembers wurden die armen Schafböcke dann wirklich im Kreis der Familie geschlachtet. Als ich am 2. September mit Gip auf der Morgenrunde durch die engen Gassen der Medina spazierte, waren noch überall Spuren zu sehen: Geschlachtete Schafe hingen in Eingängen und Garagen und auf dem Gehsteig lagen frisch abgezogene Schaffelle. In den Gassen wurden Feuer entzündet und die Knochen und Schädel darauf verbrannt. Noch vor dem Frühstück war das etwas viel für meinen westeuropäischen Magen. Gip hingegen war hin und weg von all den fremden Gerüchen.

Rick’s Café war leider geschlossen.

Eher enttäuscht hat uns ein Ausflug nach Casablanca. Die Reise mit dem Zug war interessant und bot wieder Eindrücke vom Landleben. Die Stadt selber war aber sehr schmutzig und der Trubel wurde uns rasch zu viel. Das aus dem Film Casablanca bekannte „Rick’s Café“ war geschlossen und konnte nur von aussen besichtigt werden. Einzig die imposante Mosche Hassan II. war wirklich sehenswert.

Mosche Hassan II. in Casablanca.

Wie hilfsbereit und freundlich die Menschen waren, zeigt folgende Geschichte sehr gut: Ich bekam Zahnweh und musste notgedrungen im Hafenbüro nach einem Zahnarzt fragen. Die Sekretärin rief die Putzfrau, deren Mann in einer der modernsten Zahnarztpraxen Marokkos arbeitet. Der Mann machte einen Notfalltermin für mich aus, die Putzfrau teilte ihn der Sekretärin mit. Diese wiederum beauftrage den Chauffeur der Marina mich auf dem Schiff abzuholen und in die Zahnarztpraxis zu bringen. Alles völlig kostenlos! Ich bekam innerhalb von drei Tagen eine neue Krone verpasst und mein Zahnweh war weg. Ich war froh, dass ich mich mit einigen Tafeln Schweizer Schokolade (der Zahnarzt braucht ja weiterhin Arbeit) für die Mühen bedanken konnte.

Die Trident 27 von Daniel und Nicole.

Unterdessen waren an unserem Steg auch Nicole und Daniel angekommen. Die beiden jungen Schweizer sind mit ihrem kleinen Trimaran, einer Trident 27, also gerade mal gut 9 Meter lang, aus dem Mittelmeer gekommen und haben tatsächlich die Überfahrt von Faro nach Rabat in einem Schlag bewältigt. Den Mutigen gehört die Welt! Bei einem gemütlichen Glas Bier im Cockpit wurde die Idee eines zweitägigen Ausfluges nach Marrakesch geboren. Da es aber in Marokko nicht möglich ist mit einem Hund im Hotel zu übernachten, blieb ich in Rabat. Bereits die Reise nach Marrakesch war eine Herausforderung: Zugverspätungen und –ausfälle sorgten dafür, dass sie statt der im Fahrplan aufgeführten 5 Stunden fast 9 Stunden dauerte! Aber Marrakesch hat den dreien sehr gut gefallen.

Die Baustelle der neuen Oper.

Während dessen passte ich auf Gip und die Alunga auf und genoss für eine begrenzte Zeit das Alleine sein. Wir waren häufig in der Stadt unterwegs und haben Quartiere besucht, die wir noch nicht gesehen hatten. Es ist unglaublich, wie viel in dieser Stadt gebaut wird! Vor allem rund um die Baustelle der neuen Oper soll ein modernes Quartier, das ein wenig an Dubai erinnert, entstehen. An den Baustellenwänden konnten die zukünftige Stadtansicht bewundert werden. Sicher wäre es interessant zu sehen, wie die Rabat in 10 Jahren wohl aussehen wird…

in diese futuristische Stadt soll sich Rabat entwickeln.
Diese Natelantennen fügen sich bestens ins Stadtbild ein.

 

 

 

Auf keinen Fall vorenthalten möchte ich auch nicht, wie die Marokkaner das Problem mit den Natel-Antennen gelöst haben:

 

 

 

Immer mal wieder…

Und damit ihr nicht denkt, dass wir nichts anderes tun als das Leben zu geniessen: Walti musste die Endkappe des Wärmetauschers nun endgültig auswechseln und hatte mal wieder Gelegenheit kopfüber am Motor zu arbeiten. Natürlich hat ihn seine treue Handlangerin dabei nach Kräften unterstützt.

 

Auch in Marokko lief die Zeit viel zu schnell. Wir waren tatsächlich bereits zwei Wochen in Rabat und es gäbe noch viel zu sehen. Aber es wurde Zeit weiter zu ziehen….

 

 

 

 

 

2 Gedanken zu „Marokko – eine fremde Welt“

  1. Mini Liebe!
    Daaaanke viel Mol för de erneut spannendi Bricht und die schöne Bilder!
    Isch wörklich schön, dass mir so – wenn au ächli spöter – chönd a Eure Reis teilneh! Und das im „sichere Hafe“ oder i de warme Stube!
    Kompliment, einmol meh, Monika!
    Grüessli us Dussnang!

  2. Hoi Walter und Monika,
    Liebe Grüsse von mir und Kirsten, ihr habt ja schon wieder eine ganze Menge erlebt!
    Ja, die Welt ist klein, eine alte Freundin von mir, die Hedwig hat Euch in Mazagon getroffen, nochmal einen Gruss von Ihr und Pit! Bei uns geht es im Moment auch im Schweinsgalopp voran.
    Ihr könnt das ganze bei
    svaditi.com
    mitverfolgen.
    Machts gut und immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel wünschen Euch,
    Sigi und Kirsten

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